Getreide oder kein Getreide?


Stimmt es, dass
● Hunde Getreide nicht verdauen können?
● Getreide Allergien auslöst?
● Getreide nur billiges Füllmaterial ist?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man etwas in der Geschichte zurückgehen. Hunde sind vermutlich die ersten domestizierten Tiere überhaupt. Genomanalysen zufolge begann die Domestizierung mindestens 10.000 Jahre v. Chr., Fossilienfunde reichen sogar bis 33.000 Jahre v. Chr. zurück. Über den genauen Zeitpunkt besteht noch Unklarheit. Ebenso unklar ist, wie und warum Hunde domestiziert wurden. War es Absicht oder Zufall? Die eine Theorie ist, dass Menschen Wolfswelpen zum eigenen Schutz und zur Unterstützung bei der Jagd gefangen und gehalten haben. Nach der anderen Theorie hätten sich Wölfe im Zuge des Ackerbaus (Getreideanbau) und dem damit verbundenen Umschwung vom nomadenhaften auf den sesshaften Lebensstil des Menschen vermehrt in dessen Nähe aufgehalten, da sie in den Siedlungen sehr leicht an Nahrung kamen (Abfälle, Essensreste, usw.). Somit könnte die landwirtschaftliche Revolution nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Wolf zu einer stärkereicheren Ernährung geführt haben.
Die natürliche Selektion für die Eigenschaft, diese neuen leicht zugänglichen Nahrungsquellen (= Kohlenhydrate) effektiv nutzen und damit gedeihen zu können, könnte ein entscheidender Schritt der frühen Domestizierung und der Ursprung unseres heutigen Haushundes gewesen sein.

Hochinteressant ist in diesem Zusammenhang, dass Forscher vor Kurzem mehrere Gene mit einer Schlüsselrolle in der Stärkeverdauung bei Hunden fanden, die Wölfe nicht haben.

Hunde haben sich genetisch an eine stärkereichere Ernährung adaptiert und sind in der Lage, diese effektiv zu verdauen. Ähnliche Anpassungen im Erbgut gibt es interessanterweise auch beim Menschen. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass Hunde die Fähigkeit besitzen. Stärke in der Nahrung effektiv zu nutzen. Nur in rohem Zustand bleibt die Stärke für den Hund nahezu unverdaubar. Die Frage, ob die Ernährung des einzelnen Hundes Getreide oder kein Getreide enthalten sollte, muss jeder Hundehalter für sich beantworten.
Aus ernährungsphysiologischer und evolutionsbiologischer Sicht spricht nichts gegen stärkereiche Futtermittel in der Hundeernährung. Selbst viele BARFer füttern mittlerweile auch geringe Mengen an Kohlenhydraten dazu, allerdings meistens in Form von gekochten Kartoffeln, die paradoxerweise nicht als unnatürlich und ungeeignet gelten.


Das Märchen vom allergieauslösenden Getreide:
Getreide wird (zu Unrecht) als unnatürlich und sogar als schädlich propagiert, da es Allergien auslösen soll. Es stimmt, dass die Zahl der Futtermittelunverträglichkeiten - insbesondere der Fälle mit einer Magen-Darm-Symptomatik - zuzunehmen scheint. Aber nicht jede Unverträglichkeit ist gleichzeitig auch eine Allergie. Bei einer Allergie kommt es immer zu einer Immunantwort des Körpers, d.h., das Futtermittel wird als fremd erkannt und es folgt eine Abwehrreaktion. Bei einer Unverträglichkeit ist dies nicht der Fall. Beispielsweise können unzureichend gegarter Reis oder halbrohe Kartoffeln ebenso Durchfall auslösen wie eine Futtermittelallergie. Selbstverständlich gibt es unter den echten Allergikern auch Hunde, die gegen Getreide allergisch sind. Dies liegt aber daran, dass Getreide in vielen kommerziellen Futtermitteln - inklusive Hundekeksen - Verwendung findet. Somit haben viele Hunde Kontakt zu Getreide und können daher mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Allergie darauf entwickeln. Im Umkehrschluss ist es aber falsch zu sagen, dass Getreide im Futter automatisch zu Allergien führt oder per se allergen wäre. Abgesehen davon reagieren die Tiere allergisch auf die Eiweißkomponente. Eiweiß kann tierischen oder pflanzlichen Ursprungs sein. Auch Reis und Kartoffeln enthalten Eiweiß, auf das ein Hund genauso gut eine Allergie entwickeln kann wie auf das in vielen Getreidesorten vorkommende Klebereiweiß (Gluten).


Ist Getreide ein billiger Füllstoff ?
Es wird oft behauptet, dass Getreide in Futtermitteln nur ein billiger Füllstoff sei. Hierbei muss man Verschiedenes berücksichtigen.

● Ein gewisser Getreideanteil ist für den Herstellungsprozess des Trockenfutters notwendig.
● Eiweißreiche Rohstoffe sind generell teurer als Getreide, sodass sich ein gewisser Getreideanteil im Futter günstig auf den Endverbraucherpreis auswirken kann. Für den Hund ist der Preis des Futters sicher wenig entscheidend, für den Besitzer aber durchaus. Besonders große Hunde, die viel Futter benötigen, können auf diese Weise mit hochwertigem und relativ günstigem Trockenfutter ernährt werden. Das sollte als Vorteil und nicht als Nachteil gesehen werden.
● Getreide ist ein wichtiger Energieträger im Futter und daher alles andere als einfach nur ein „Füllstoff“

Quelle: Dr. Julia Fritz Fachtierärztin für Tiernährung und Diätetik



[zurück]


©2018 Kleintierpraxis Rossi. Alle Rechte vorbehalten